Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Naumann,
sehr geehrte Vorstandsmitglieder der DGGG,
als Mitglieder der DGGG verfolgen wir die anstehende Vorstandswahl im Oktober mit großer Aufmerksamkeit.
Die DGGG trägt als wissenschaftliche Fachgesellschaft eine besondere Verantwortung für Forschung, Lehre, Weiterbildung und die Verbesserung der gynäkologischen Versorgung in Deutschland. Ihre Repräsentant:innen prägen dabei nicht nur die fachliche Arbeit der Gesellschaft, sondern auch ihre öffentliche Wahrnehmung.
Vor diesem Hintergrund geben uns die öffentlichen Positionierungen der aktuellen 1. Vizepräsidentin der DGGG angesichts ihrer erneuten Kandidatur für den Vorstand Anlass zur Sorge. Wie unter anderem die Tagesschau berichtete, ist sie seit Jahren in der sogenannten Lebensschutzbewegung aktiv, die sich gegen das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch einsetzt. Ihr Engagement umfasst Auftritte beim Kongress „Leben.Würde“ des Bundesverbands Lebensrecht sowie das Versenden eines offenen Briefes an Bundestagsabgeordnete, mit dem Ziel, eine Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs zu verhindern.
Aus unserer Sicht gehen diese Aktivitäten über die Äußerung einer persönlichen ethischen Haltung hinaus und werfen Fragen hinsichtlich der Repräsentation unserer wissenschaftlichen Fachgesellschaft auf.
Besonders deutlich wurde diese Problematik bei der Stellungnahme der DGGG an die Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin der Bundesregierung, für die die aktuelle Vizepräsidentin verantwortlich zeichnete. Die Stellungnahme empfahl der Kommission, an der strafrechtlichen Regelung des Schwangerschaftsabbruchs festzuhalten. Sie wurde von vielen Kolleg:innen kritisch diskutiert, unter anderem, weil internationale evidenzbasierte Empfehlungen wie jene der WHO darin nicht berücksichtigt wurden. Dies hat bei uns die Sorge verstärkt, dass persönliche weltanschauliche Überzeugungen Einfluss auf die wissenschaftliche Arbeit der DGGG nehmen könnten.
Wir fragen uns: Wie kann eine Funktionsträgerin, die sich öffentlich in dieser Weise positioniert, repräsentative Führungsaufgaben innerhalb einer Fachgesellschaft wahrnehmen, die sich dem Anspruch evidenzbasierter Medizin und einer bestmöglichen Versorgung von Patient:innen verpflichtet hat?
Schwangerschaftsabbrüche gehören mit rund 100.000 Eingriffen pro Jahr zur gynäkologischen Versorgungsrealität in Deutschland. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse der ELSA-Studie, dass sowohl die Versorgungssituation als auch die ärztliche Aus- und Weiterbildung in diesem Bereich verbessert werden müssen. Die Studie macht zudem deutlich, dass die Mehrheit der Gynäkolog:innen eine stärkere wissenschaftliche Verankerung des Themas, eine Aufnahme in die Weiterbildungsordnung sowie eine Reform der rechtlichen Rahmenbedingungen befürworten.
Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer evidenzbasierten und wissenschaftlich unabhängigen Fachgesellschaft. Angesichts der bevorstehenden Vorstandswahl bitten wir Sie daher um eine Stellungnahme dazu, wie die DGGG sicherstellen wird, dass ihre fachlichen Positionen und ihre öffentliche Vertretung auch künftig unabhängig von persönlichen Überzeugungen einzelner Funktionsträger:innen erfolgen.
Für Ihre Rückmeldung danken wir Ihnen im Voraus.
Mit freundlichen Grüßen